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Zahlreiche archäologische Funde geben Aufschluss über die Geschich-
te der Region

Die Lommatzscher Pflege zählt neben der Leipziger Tieflandsbucht und der Dresdner Elbtalweitung zu den wichtigsten Altsiedelland- schaften Sachsens.
Schon die Jäger und Sammler der ausgehenden letzten Eiszeit durchstreiften auf ihren Jagdzügen diesen Raum. Unterhalb des Göhrischwalles schlugen sie eines ihrer Lager auf. Wahrscheinlich folgten diese Jägergruppen Rentierherden auf ihren jahreszeitlichen Wanderungen zwischen Sommer- und Winterweiden durch die offene, gras- und kräuterreiche, extrem dünn besiedelte Tundren- landschaft.

In den Tälern stießen sie an geschützten Stellen auf erste Kiefern- und Birkenbestände, welche die Wiederbewaldung am Ausgang der letzten Eiszeit ankündigten.
Mit der zunehmenden Wiedererwärmung wichen die großen Tierherden vor dem Vorrücken des Waldes in die nördlichen Tundrenlandschaften aus. Ihnen hinterher zogen bewegliche,auf die Jagd spezialisierte Menschengruppen. Wer in den Wäldern zurückblieb, musste seine Ernährung auf neue Quellen umstellen. Neben der Jagd auf Rot- und Kleinwild sowie auf Wasservögel begannen der Fischfang und das Sammeln von Wildfrüchten eine immer größere Rolle zu spielen. Die Rastplätze dieser Jäger und Sammler lagen vor allem an der Elbe.

Längst abgeschlossen war zu dieser Zeit ein Vorgang, dem die Lommatzscher Pflege bis heute ihre große Fruchtbarkeit ver- dankt: Während der letzten Eiszeit wurde aus den Gletschern im südlichen Brandenburg feiner Staub, sog. Löss ausgeweht und auf den Hügeln und Moränenplatten südlich angrenzender Land- schaften bis zu einer Mächtigkeit von 20 m wieder abgelagert.

Auf diesen Lössdecken bildeten sich seit der Wiedererwärmung und -bewaldung fruchtbare dunkle Böden, die um 5300 v. Chr. die ersten Ackerbauern und Viehzüchter anzogen. Sie errichteten auf Kuppen, lieber aber auf flachen Hängen nahe an Bachläufen und Quellen ihre massiven, bis zu 30 m langen, lehmverputzten Pfostenbauten(z.B. bei Simselwitz). Sie vereinten Wohnung, Vorratsspeicher und Werkplatz unter einem Dach. Eingeritzte und eingestempelte lineare Muster (Wellenlinien etc.) gaben dieser ältesten Bauernkultur ihren Namen (Linienbandkeramik, 5500-4900 v. Chr.).


Aus Feuerstein schlug man Kratzer, Pfeilspitzen und Einsätze für Sicheln, die zum Schneiden von Getreide und Gräsern dienten. Mit Steinbeilen aller Größen und Formen wurden Bäume gefällt und zugerichtet oder Holzgefäße hergestellt.
Der Bedarf an Bau- und Brennholz muss so groß gewesen sein, dass zum ersten Mal in größerem Umfang Wälder gerodet wurden. Auf den gelichteten Flächen konnten Einkorn, Emmer (frühe Weizenarten) und Hülsen- früchte angebaut werden, die neben der Haltung von Rindern, Schweinen und Schafen die Lebensgrundlage der bäuerlichen Bevölkerung bildeten.Innerhalb weniger Jahrhunderte, vielleicht sogar weniger Jahrzehnte war der sesshafte Mensch in ein völlig neues Verhältnis zu seiner Umwelt getreten, an der die neue Wirtschaftsweise nicht spurlos vorüberging: Der Bodenabtrag ist so alt wie die Auflichtung der Eichenmischwälder durch den Menschen.

Erst im 19. Jh. hat die Erosion allerdings durch die Intensivierung der Bewirtschaftung ein so großes Ausmaßangenommen, dass viele archäologische Kulturdenkmale nicht nur ernsthaft bedroht, sondern teilweise bereits zerstört sind.



Skizze einer Pfostenbausiedlung
in der Steinzeit
(z.B. nahe Simselwitz)



Eingestempelte, lineare Muster sind typisch für die Linienbandkeramik der ältesten Bauernkultur.



Überwiegend gestochene Ornamente als Merkmal der Stichbandkeramik
aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts.


Die Linienbandkeramik setzt sich in der ersten Hälfte des 5. Jahrtausend v. Chr. als sog. Stichband- keramik fort, die nach den jetzt überwiegend gestochenen Ornamenten auf der Keramik benannt ist. Viele Muster knüpfen direkt an linienbandkeramischen Vorbildern an.

Ebenso geringfügig unterscheiden sich Werkzeuge und Hausformen von ihren Vorgängern. Erwar- tungsgemäß liegen auch die stichbandkeramischen Dörfer an den Stellen, die bereits die linien- bandkeramischen Bauern bevorzugt hatten. Der Austausch von Rohmaterialien wie Feuerstein und Felsgestein oder von Fertigprodukten, etwa Schmuck oder Steinbeilen verlief entlang der traditio- nellen Verkehrsachsen; dabei scheint Mittelsachsen eng mit Böhmen verbunden gewesen zu sein.

Vom Süden sind wahrscheinlich auch Anregungen ausgegangen, sog. Kreisgrabenanlagen anzulegen, die zentrale Plätze eines größeren Einzugsgebietes gewesen sein dürften, vielleicht sogar Kultstätten oder astronomische Observatorien waren. So zahlreich in der Lommatzscher Pflege mittlerweile die bandkeramischen Dörfer sind, die teils aus der Luft, teils durch Lesefunde entdeckt wurden, so wenig ist bekannt, wo die Toten bestattet wurden. Damit entgehen uns nicht nur Informationen über die Jenseitsvorstellungen, sondern auch andere Aspekte menschlichen Lebens, wie Alter und Krankheiten. Im Durchschnitt dürfte die Lebenserwartung in der Jungsteinzeit bei etwa 30 Jahren gelegen haben. Im kalkarmen Löss sind jedoch Knochen schlecht erhalten, Brandgräber häufig längst zerpflügt. Spätestens im Laufe der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends verschwanden nicht nur Kreisgrabenanlagen, sondern auch massive, langgestreckte Pfostenbauten und verzierte Gefäße. Der riesige von Kleinpolen bis ins Pariser Becken reichende bandkeramisch-mitteleuropäische Traditionsraum zerfiel in zahlreiche kleinere Gruppen, die den Beginn der jüngeren Jungsteinzeit markieren.

Der Mangel an Hausbefunden macht das Verständnis dieser Veränderungen nicht leichter. Ihr Fehlen erklärt sich wohl aus einer leichteren Bauweise, deren Spuren besonders erosionsanfällig sind. Offenbar war man davon abgekommen, große, tief fundamentierte Pfostenbauten zu errichten. Aus dieser Zeit, den Jahrhunderten um 4000 v. Chr., kennen wir daher vorläufig nur wenige Funde.

Dr. sc. phil. H. Plaul




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